Kritik

Scott Pilgrim – Wiedersehen macht Freude

Ich hatte mich gefreut, als Marcus den Film „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ zur Besprechung vorschlug, da ich somit eine Ausrede hatte, ihn nach Jahren einmal wieder anzusehen.

Diesmal saßen auch die beiden jüngsten Kinder mit dabei – allerdings nur die ersten 15 Minuten, dann verließen sie das Wohnzimmer. War der Film zu langsam und zu langweilig oder zu schnell und zu hektisch? Zu verrückt? Zu peinlich? Ich habe nicht gefragt, aber es war klar, dass ich als Vater versagt hatte.

Scott Pilgrim ist eine Comicverfilmung, aber im Gegensatz zu den modernen Marvel und DC Blockbustern, die sich von der Comic-haftigkeit ihrer Vorlagen zu lösen versuchen, um ernsthafter und realistischer zu wirken, stellt Scott Pilgrim dieses Stilmittel geradezu heraus.

Da ploppen Geräuschwörter auf – ein Ding Dong bei der Türklingel oder ein Ponk bei einem Faustschlag (Batman lässt grüßen). Es gibt Bewegungsstriche, Manga-Zooms und Erzählkästen. Fast schon die Verfilmung von Comics richtig lesen.

Ein weiteres prägendes Stilmittel ist die Computerspielästhetik. Scotts Kampf gegen die „teuflischen Ex-Lover“ seiner Angebeteten, wird als Arcade-Spiel inszeniert: Gegner erscheinen, werden besiegt, und am Ende fallen Münzen aus ihnen heraus. Es gibt sogar ein extra Leben – ein Motiv, auf das man später auch wieder in Ready Player One trifft.

Damit kann man Scott Pilgrim in das Genre des LitRPG einordnen – ein Begriff, der erst drei Jahre nach dem Film geschaffen wurde und mit dem ich beim ersten Sehen damals nichts hätte anfangen können.

Im LitRPG funktioniert die Realität nach den Spielregeln eines Computerspiels, mit Punkten, Skills, Leveln und Cheating. Matrix dürfte der bekannteste und vermutlich erste Vertreter dieses Genres sein, in dem der Protagonist Neo entdeckt, in einer Computersimulation zu leben. Heute sind die Werke in diesem Bereich zahlreicher: In Plötzlich Zauberer findet der Held Martin (hihi) eine Computerdatei, die die Realität beschreibt und über die man diese zugleich auch verändern kann. In Die System-Apokalypse wird die Erde durch ein kosmisches Ereignis in eine Rollenspielwelt transformiert, mit Dungeons und Erfahrungspunkten und in dem bereits erwähnten Ready Player One flüchtet die dahinsichende Menschheit in die virtuelle Realität.

Wie man sieht, bin ich diesem Genre sehr zugetan, weswegen mich auch Scott Pilgrim, sowohl damals wie auch heute, damit begeistern konnte.

Die zweite Sichtung brachte mir aber auch noch Dinge zu Tage, dich ich damals noch nicht wahrnahm, vor allem die Schauspieler. Zwei spätere Marvel Superhelden spielen mit:
Chris Evans, der ein Jahr nach Scott Pilgrim als Captain America bekannt wurde und Brie Larson, die spätere Captain Marvel.

Mit Freude nahm ich beim aktuell Sehen war, dass Kieran Culkin mitspielte. Den hatte ich als Schauspieler beim ersten Mal überhaupt nicht auf dem Schirm, aber nachdem ich ihn in A Real Pain gesehen hatte, hat er sich mir eingeprägt.

Obwohl ich den Film mit einem guten Gefühl verbinde, hatte ich mich kaum an Details erinnert. In Gedächtnis geblieben sind mir eigentlich nur zwei Szenen: Die eine ist Scotts panische Flucht aus dem Fenster, um sich vor Knives zu verstecken – vielleicht aber auch nur deswegen, weil diese in dem Trailer des Films verwendet wurde – und seine zweite Chance durch sein Extraleben, wodurch er aus Fehler des ersten „Runs“ lernen konnte und es beim zweiten Mal besser macht. Wer hätte sich das nicht auch schon mindestens einmal gewünscht?

Wiederentdeckt habe ich die rasant schnellen Schnitte zwischen Zeit und Ort, die den mentalen Zustand Scotts hervorragend auf den Zuschauer überträgt, die Martial-Arts-Kämpfe, die ich ausgeblendet hatte und natürlich die Musik, die einen sofort in die damalige Zeit und Stimmung zurückversetzen. Eigentlich könnte ich mir ja den Soundtrack besorgen.

Eine Sache ist mir diesmal allerdings auch aufgefallen, die ich beim ersten Mal entweder nicht bemerkt oder nicht bewusst wahrgenommen habe: einige ethnische Stereotype. Figuren werden etwa als „die Chinesin“ oder „der Inder“ markiert. Interessant ist dabei, dass die Stereotypisierung im Film oft weniger über diese Figuren selbst läuft als über die weißen Charaktere, die solche Kategorien überhaupt erst aufmachen („Was gibt’s bei dir zu essen? Chinesisch?“).
Ich habe das daher eher als satirische Überzeichnung wahrgenommen, die die Vorurteile der Figuren sichtbar macht. Problematisch fand ich es persönlich nicht – wobei man mir natürlich vorwerfen könnte, dass ich das aus einer Position des White Privilege heraus sage. Mag sein. Vielleicht wäre das tatsächlich einmal ein eigenes Blogthema.

Gab es etwas, das mir nicht gefallen hat? Eigentlich kaum. Die Lösung mit der Sojamilch wirkt auf mich etwas unlogisch – wenn jemand Gedanken lesen kann, dann wird er auch die Gedanken lesen, dass ich krampfhaft versuche, an etwas anderes zu denken. Aber das ist eine ziemlich kleine Irritation in einem ansonsten sehr runden Film.

Unterm Strich bleibt: ein sehr schöner Film. Einer von denen, die man ohne große Vorbereitung wieder einlegen kann – nur meine Familie sieht das anders. Wo ist mein Extraleben?

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